„Ich möchte in Mainz eine Analogfoto-Community aufbauen“
Von Hermann Groeneveld / SilvergrainClassics

Raphael Foidl ist Fotograf und Filmemacher. In den letzten Jahren hat er weltweit Projekte für Aston Martin, smart, Samsung und Boehringer Ingelheim umgesetzt. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Werbung, Corporate und Porträtfotografie, oft mit dokumentarischem Ansatz, geprägt durch Streetfotografie. Parallel dazu möchte er in Mainz eine Analogfoto-Community aufbauen; erste Kontakte bestehen bereits zu bildschoen13 und SilvergrainClassic. Ziel ist, daraus langfristig Vorteile für die Community zu entwickeln, etwa für Fotowalks, Community-Events und das Testen neuer Filme und Technik.
Hermann Groeneveld, SilvergrainClassics (HG)
Raphael, du hast für Puma und Schwarzwald Tourismus als Fotograf eine Kampagne umgesetzt. Worum ging es bei dem Projekt?
Raphael Foidl, Photographer (RF)
Es ging um einen Schuh, der sich gestalterisch auf den Bollenhut bezieht: eine regionale Tradition aus dem Schwarzwald, gebrochen durch ein modernes Produkt. Die Aufgabe war, den Schwarzwald als Reiseziel attraktiv zu zeigen Aber nicht nur über Landschaft, sondern auch über Kultur, Geschichte und Menschen vor Ort. Gedreht und fotografiert wurde in einem Freilichtmuseum mit Protagonist:innen, die diese Traditionen im Rahmen von Vereinen, Veranstaltungen und musealer Arbeit sichtbar halten.

HG
Warum habt ihr analog fotografiert und nicht einfach digital auf Film getrimmt?
RF
Der Kunde wollte einen analogen Look. Ich habe vorgeschlagen: Wenn es wie Film aussehen soll, dann fotografieren wir eben auf Film, statt den Look nachträglich zu simulieren.
HG
Warum war der Film-Look überhaupt gewünscht?
RF
Shot on film war eine Zeit lang als Stil sehr dominant, inklusive Filmrahmen, Halation, Korn und allem, was man nachträglich drauflegen kann. Das ist inzwischen weniger extrem, aber einige Teile sind geblieben. Film wirkt für viele Menschen anders, weil er eine eigene Materialität hat. Für dieses Projekt passte das darüber hinaus inhaltlich, weil es um Tradition, Handwerk und kulturelle Geschichte ging.
HG
Du verknüpfst analog stark mit Echtheit. Was meinst du damit konkret?
RF
Analog ist für mich weniger Nostalgie als viel mehr ein persönliches Statement. Das Bild kommt aus einem physischen Prozess, mit realen Entscheidungen am Set und einem Negativ als Ergebnis. Das erzeugt eine andere Art von Glaubwürdigkeit, nicht weil digital unecht wäre. Sondern weil man spürt, dass es von Menschen gemacht ist.

HG
Du sprichst auch über KI und Content-Flut. Was ist da für dich der Knackpunkt?
RF
Wenn Bilder und Spots austauschbar wirken oder sich später herausstellt, dass es synthetisch generiert wurde, kippt bei vielen die emotionale Verbindung. Man sieht das daran, wie Menschen reagieren, wenn Werbung als KI-generiert wahrgenommen wird – Beispiele waren u. a. Coca-Cola oder Spotify.
Für mich ist der Punkt: Marken verkaufen nicht nur ein Produkt, sondern auch Beziehung, Identifikation und Vertrauen. KI generierte Inhalte wirken lieblos und billig. Man spürt die fehlende persönliche Verbindung, bewusst oder unbewusst. Warum sollte ich ein Produkt kaufen, wenn sich die Unternehmen nicht einmal die Mühe geben es vernünftig zu bewerben?
Ich bin überzeugt, wenn man glaubt, dass KI das echte Produzieren ersetzt, nimmt man seine Zielgruppe nicht ernst. Es geht immer um die Verbindung von Produkt zum Menschen und wenn man seine Zielgruppe nicht als Mensch, sondern nur als Zahlen und Umsatz sieht verliert man sie. Natürlich spart man Kosten, wenn man KI nutzt, um massenhaft inhaltslosen Content zu generieren um die Algorithmen zu füttern, aber zu welchem Preis?
HG
Du bringst als Beispiel die Firma Leica Camera. Warum?
RF
Weil Produkte stark über Geschichte, Werte und Mythos funktionieren. Eine Kamera kauft man nicht nur wegen ihrer Technik allein. Wofür sie steht und was Menschen damit gemacht haben, ist für mich ein wesentliches Kriterium. Die Leica-M ist weder technisch noch vom Handling eine zeitgemäße Kamera,. Aber auf der Leica M wurden einige der größten Fotos der Zeitgeschichte gemacht. Wenn ich mit dieser Kamera fotografiere, fühle ich mich als Teil davon.

HG
Heißt das: Digital ist für dich schlechter?
RF
Nein, auf keinen Fall. Digitalfotografie hat ihren klaren Stellenwert,.Genauso wie Retusche, 3D und auch generative Verfahren, je nach Zweck. Wenn ich ein Handbuch brauche oder rein funktionale Produktvisuals, können 3D-Modelle und KI sehr effizient sein. Aber sobald es um Menschen, Nähe, Identifikation und Glaubwürdigkeit geht, ist für mich echt produziert wichtig. Ich möchte mich als Kunde angesprochen fühlen. Ich möchte spüren, dass sich die Unternehmen für mich interessieren.
Ich denke Analog ist in heutiger Zeit, in der KI auf dem Vormarsch ist, wie ein Echtheitszertifikat – vom Menschen für den Menschen.
HG
Wie bist du technisch an das Bollenhut Projekt herangegangen?
RF
Wie immer über Recherche: Thema verstehen, Produkt und Marke einordnen, Ziel der Kampagne klären.
Gleichzeitig zum Shooting sollte mein Kollege und Freund Nik Soeder das ganze filmisch umsetzten. Oder besser gesagt andersherum. Der Film stand im Fokus, aber Fotos sollten gleichzeitig auch gemacht werden.
Heutzutage gibt es viele Hybride Produktionen. Es ist gut sich in beiden Bereichen auszukennen, um effektiv arbeiten zu können. Deshalb bin ich nicht nur als Fotograf unterwegs, sondern mache auch Bewegtbild.
Die Herausforderung für mich war, das Ganze in nur einem Produktionstag umzusetzen. Nik hat das Scouting vor Ort übernommen und mir alle wichtigen Infos weitergegeben. Zusammenarbeit ist sehr wichtig für solche Projekte. Es ist immer die Arbeit eines ganzen Teams, die man am Ende sieht. Aus all den Infos hat sich schließlich ein Konzept entwickelt sowie die technische Herangehensweise.

HG
Du sprichst von zwei Erzählebenen. Wie hast du die visuell getrennt?
RF
Mir war es wichtig, genug Freiraum vor Ort zu haben. Dennoch benötigte ich ein klares visuelles Konzept, in dem ich mich bewegen konnte. Deshalb habe ich mich entschieden, alle dokumentarischen Eindrücke von Landschaft, Feeling vor Ort und Kultur mit meiner Leica M6 zu fotografieren, also Doku Style mit dem 35mm-Objektiv eingefangen. Dafür wurde diese Kamera schließlich entwickelt.
Die Produkt- und Fashion-Motive sowie alle meine Fashion-Editorials habe ich mit meiner Hasselblad 500c fotografiert. So sind zwei Bildsprachen entstanden, die sich visuell unterscheiden, aber durch die Sehgewohnheiten, die diese Kameras geprägt haben, einem vertraut erscheinen.
Nik hat zusätzlich auf Super-8 gedreht, um im Film das analoge Thema mit aufzugreifen.
HG
Welche Rolle spielte die Athletin Christina Honsel?
RF
Sie war als Protagonistin gesetzt: Hochspringerin, im Training für Olympia und Puma Athletin. Bei derartigen Projekten werden oft die Markenbotschafter mit einbezogen. Die ständigen Wechsel der Location, durch den Wald bergauf und ab, hat Christina wesentlich besser weggesteckt als Nik und ich. Gut, das wir hinter der Kamera standen und nicht davor.
HG
Welchen Film hast du verwendet – und warum?
RF
Kodak Portra bei allen analogen Setups. Für mich ist der Belichtungs-Spielraum des Films wichtig: Portra gibt mir die größte Dynamik, damit ich in Scan und Postproduktion dorthin komme, wo ich die Bilder haben will.

HG
Du scannst selbst, entwickelst aber nicht selbst. Warum diese Trennung?
RF
Ich mag am Analogen den Workflow am Set und ich will Kontrolle über den finalen Look. Diesen erhalte ich über das Scannen und die Postproduktion. Entwicklung gebe ich ab, weil Risiko und Aufwand hoch sind und ich bei Auftragsarbeiten verlässlich bleiben muss.
HG
Hat das Konzept funktioniert – oder gab es Schwierigkeiten durch analog?
RF
Nein Probleme gab es nicht, der Kunde und ich sind super zufrieden mit dem Ergebnis. Die Herausforderung war eher organisatorisch: ein Produktionstag, Hybrid-Setup, parallele Produktion von Film und Foto. Aber es hat ja alles geklappt.
HG
Was kommt als Nächstes? Gibt es ein persönliches Projekt abseits von Kundenjobs?
RF
Ja. Ich möchte in Mainz eine Analogfoto-Community aufbauen. Mir geht es um einen regelmäßigen Austausch. Gemeinsam fotografieren und scannen, Scans und Prints zeigen. Ohne Druck oder Kunden. Einfach gemeinsam experimentieren und Spaß haben.
Erste Kontakte bestehen bereits zu einem lokalen Fotogeschäft, bildschoen13, und zu SilvergrainClassics. Ziel ist, mit diesen Partnern langfristig Vorteile für die Community zu schaffen. Dann lassen sich Community-Formate besser realisieren: Fotowalks, Test- Sessions mit neuen Filmen oder das Ausprobieren von Technik – als echte Events, nicht nur online.

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Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von Raphael Foidl.
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