Sekonic Studio Deluxe III L-398A

Eine Begegnung, die in meinen Erinnerungen hängen geblieben ist

Von Marwan El Mozayen / SilvergrainClassics

Sekonic Studio Deluxe III L-398A

 

Ende der 1990er Jahre hatte ich den Sekonic L-398 zum ersten Mal gesehen. Nicht in einem Fotoladen. Auch nicht in einem Studio. Sondern bei Manufactum.

Wer Manufactum kennt, weiß, dass dieser Versandhändler schon immer ein Faible für Dinge hatte, die aus der Zeit gefallen wirken. Werkzeuge, Alltagsgegenstände und technische Geräte, die nicht nach Trends gebaut sind, sondern nach Prinzipien. Dinge für Menschen, die das Besondere suchen. Und genau dort lag er: Der Belichtungsmesser Sekonic L-398 war eingebettet zwischen teilweise sehr altertümlich wirkenden fotografischen Geräten und Materialien. Neben ihm lagen auch die letzten Weston Master Belichtungsmesser, ebenfalls mit Selenzelle, ebenfalls aus einer anderen Zeit.

Der Weston Master III  Universal Esxposure Meter
Foto: Arche Noah Brocki

Ein Werkzeug aus der klassischen Fotografie

Der Sekonic fiel mir sofort ins Auge. Zum einen wegen seiner Form. Dieses große analoge Messinstrument, das Gehäuse mit seiner fast schon Art-Deco-artigen Gestaltung, das große Rechenrad auf der Vorderseite. Alles daran wirkte auf mich wie ein Werkzeug aus der klassischen Fotografie. Und gleichzeitig erstaunlich klar und logisch aufgebaut. Ich verstand sofort, wie dieses Gerät funktioniert.

Damals war ich allerdings gerade mit einem anderen Belichtungsmesser beschäftigt. Ich hatte mir kurz zuvor einen Gossen Profisix gekauft und war noch dabei, Geld für die verschiedenen Zubehörmodule zusammenzusparen. Der Sekonic blieb also erst einmal im Regal des Warenhauses. Aber er blieb mir im Gedächtnis.

Ein Belichtungsmesser ohne Batterie

Der Sekonic L-398 gehört zu einer Kategorie von Belichtungsmessern, die heute fast völlig verschwunden ist. Er arbeitete mit einer Selenzelle. Diese Zelle wandelt Licht direkt in elektrischen Strom um. Der Strom bewegt die Nadel des analogen Messinstruments.

Dieser Belichtungsmesser benötigt also keine Batterie. Das Licht selber ermöglicht die Messung. Benutzt man den Belichtungsmesser, wirkt das fast ein wenig wie ein kleines physikalisches Experiment. Licht fällt auf die Zelle. Die Nadel bewegt sich. Man liest den Wert ab und stellt die Belichtung ein.

Alles began in den 1930er Jahren

Die Wurzeln dieses Belichtungsmessers reichen weit zurück. Der Ingenieur Donald Wallace Norwood (1899 – 1985) entwickelte in den späten 1930er Jahren einen Handbelichtungsmesser, der auf einem für damalige Erkenntnisse über Lichtmessung völlig neuen Ansatz basierte: Statt das vom Motiv reflektierte Licht zu messen, überlegte er sich, das auf das Motiv fallende Licht zu messen.

Um die Idee umzusetzen entwickelte Norwood eine durchscheinende Halbkugel, die Licht aus verschiedenen Richtungen sammelte und zur Selenzelle weiterleitete. Diese Halbkugel simulierte gewissermaßen ein dreidimensionales Objekt und berücksichtigte sowohl Hauptlicht als auch Streulicht. Die erste Version dieser Halbkugel entstand auf erstaunlich pragmatische Weise. Norwood verwendete dafür eine halbe Babyrassel seines Sohnes. 1938 meldete er sein ausgeklügeltes Verfahren als Patent an, welches ihm 1940 erteilt wurde.

Norwoods Patent war einfach revolutionär. Heute ist dieses Prinzip der Lichtmessung selbstverständlich. Handbelichtungsmesser verfügen in der Regel über eine sogenannte Kalotte, eine halbkugelförmige Kuststoffscheibe, welche zum Zwecke der Lichtmessung vor den Messsensor geschoben wird.

Der berühmte Kameramanns Karl Freund (1980 – 1969) erkannte das Potenzial der Lichtmessung sehr früh. Seine Firma Photo Research produzierte schließlich den Belichtungsmesser. 1946 erschien der Norwood Director, einer der ersten weit verbreiteten Belichtungsmesser für Lichtmessung.

Ein Norwood Director Handbelichtungsmesser, Model B
Foto:  Industriemuseum Gent, supported by WikiMedia Belgium. 

Wie der Belichtungsmesser nach Japan kam

In den frühen 1950er Jahren tauchte dann ein Name auf, den heute jeder Fotograf kennt: Sekonic. Die 1951 gegründete japanische Firma übernahm die Rechte an dem Belichtungsmesser, der damals als Norwood Director Type M2 bekannt war. Die Produktion wanderte nach Japan, und das Gerät erschien als Sekonic Studio S (später als L-28).

In den folgenden Jahren erfuhr der Belichtungsmesser immer wieder kleine Überarbeitungen. So entstand 1964 der Studio Deluxe L-28C (später der L-28C2), und schließlich 1976 die Version L-398. Das grundsätzliche Prinzip des Messgerätes jedoch blieb über all die Jahre unverändert. Und das bis heute.

Die besondere Eigenschaft von Selenzellen

Selenzellen haben eine Eigenschaft, die in der Diskussion um moderne Belichtungsmesser oft übersehen wird. Ihre spektrale Empfindlichkeit ähnelt dem Verhalten des menschlichen Auges und auch dem von analogem Filmmaterial erstaunlich stark.

Moderne Siliziumsensoren reagieren häufig deutlich stärker auf rotes oder infrarotes Licht. Gerade bei Mischlicht oder bei extremen Farben des Lichtes kann das eine Rolle spielen. Sehr warmes Abendlicht zum Beispiel oder stark bläuliche Schatten bringen elektronische Sensoren manchmal eher aus dem Gleichgewicht. Selenzellen reagieren in solchen Situationen erheblich stabiler.

Viele Fotografen empfinden diese Messung deshalb als sehr natürlich und konsistent, besonders beim Einsatz von Farbfilmen.

Selenzellen haben auch Nachteile

Die Zellen alter Belichtungsmesser heute sind über die Jahrzehnte gealtert und haben ihre ursprüngliche Empfindlichkeit verloren. Beim derzeit aktuellen Sekonic Studio Deluxe III L-398A fällt das allerdings kaum ins Gewicht. Denn wer heute einen neuen Belichtungsmesser von Sekonic erwirbt, bekommt natürlich auch eine neue Selenzelle. Bei normaler Nutzung dürfte diese problemlos noch viele Jahrzehnte zuverlässig arbeiten.

Ein Werkzeug für Fotografen, die mit Licht arbeiten

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieser Belichtungsmesser besonders gut in Arbeitsumgebungen passt, in denen Licht bewusst gestalterisch eingesetzt wird. Bei Großformatkameras, bei einer klassischen Hasselblad, oder wenn man im Studio mit Fresnel-Scheinwerfern arbeitet, fühlt sich der L-398A als ein vollkommen selbstverständliches Werkzeug an. Der Fotograf stellt sich ins Licht, misst es direkt am Motiv und denkt über das Licht nach. Der Belichtungsmesser wird Teil des fotografischen Prozesses.

Mein Fazit

Führe ich mir einmal vor Augen, wie viele fotografische Technologien in den letzten Jahrzehnten aus meinem Blickfeld als Fotograf verschwunden sind, mutet es erstaunlich an, dass dieses Gerät noch existiert. Der Sekonic Studio Deluxe III L-398Aist im Grunde immer noch ein direkter Nachfahre eines Belichtungsmessers aus den 1930er Jahren. Und er wird immer noch gebaut. Ich hoffe wirklich, dass das noch lange so bleibt. Denn ich finde es wunderbar, dass sich Sekonic diesem klassischen Präzisionswerkzeug weiterhin verpflichtet fühlt.

Sekonic Studio Deluxe III L-398A
70thAnniversary Edition

Technische Daten

Modell

  • Sekonic Studio Deluxe III L-398A

Messarten

  • Lichtmessung
  • 40°-Objektmessung

Messbereich (ISO 100 / 21°)

  • Lichtmessung: LW 4 bis 17 (Dauerlicht)
  • Objektmessung: LW 9 bis 17 (Dauerlicht)

Filmempfindlichkeit

  • ISO 6 / 9° bis ISO 12.000 / 42°

Verschlusszeiten

  • 1/8000 Sekunde bis 60 Sekunden

Blendenwerte

  • f/0,7 bis f/128

Lichtwerte

  • LW 1 bis 20

Beleuchtungsstärke

  • 0 bis 1250 Footcandle

Abmessungen

  • 58 × 112 × 34 mm (Breite × Höhe × Tiefe)

Gewicht

  • 190 g

Informationen rund um die Belichtungsmessung

SilvergrainClassics, Ausgabe 1
Light Metering – Fundamentals of Exposure

SilvergrainClassics, Ausgabe 2
Using Light Meters – Yes, You Really Should Know How

SilvergrainClassics, Ausgabe 3
Studio Light Metering

SilvergrainClassics, Ausgabe 5
Bruce Barnbaum: Understanding light

SilvergrainClassics, Ausgabe 12
Let There Be Light!

 

APHOG
Basics der Belichtungsmessung
Eine Reise in die faszinierende Welt der Belichtungszeitmessung
Gossen Foto- und Lichtmesstechnik

 

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Gossen Battery Adapter for older light meters

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