Gedanken zum Sonderheft c’t Analoge Fotografie 2026
Von Marwan El Mozayen und Hermann Groeneveld / SilvergrainClassics
Analoge Fotografie und Print-Publikationen haben etwas gemeinsam: Auf den ersten Blick wirken beide wie Relikte aus längst vergangenen Tagen. Wer sich weder mit dem einen noch mit dem anderen beschäftigt, mag sich fragen, warum es sie überhaupt noch gibt. Schließlich ist heute alles digital, sofort verfügbar, jederzeit abrufbar — und scheinbar in jeder Hinsicht überlegen.
Wir vom SilvergrainClassics Team glauben an beides: an die analoge Fotografie und an das gedruckte Magazin. Weil die physische Vorlage Eigenschaften besitzt, die digital nach unseren Erfahrungen nicht erreichbar sind.
Wir freuen uns, wenn neue Print-Publikationen erscheinen, insbesondere dann, wenn sie sich mit zeitgenössischer analoger Fotografie beschäftigen. Dem zollen wir Aufmerksamkeit und Respekt. Denn wir produzieren ein Print-Magazin und wissen, wie schwierig es ist, bei Inhalt und Qualität die richtige Balance zu finden, um Mehrwert für Leserinnen und Leser zu schaffen.
Für schnelle Informationen mit kurzer Halbwertszeit sind digitale Medien eindeutig im Vorteil. Geht es jedoch darum, Stimmung, Haltung oder ein Lebensgefühl zu vermitteln, kann Print eine ganz eigene Wirkung entfalten. Das gelingt allerdings nur mit viel Arbeit, Recherche, redaktionellem Gespür — und mit einer hohen Druckqualität, die den Bildern gerecht wird.

Das Sonderheft c’t Analoge Fotografie 2026 vom Heise Verlag
Wir haben uns über die Ankündigung des Sonderheftes c’t Analoge Fotografie 2026 vom Heise-Verlag mit der Marke c’t riesig gefreut. Eine weitere starke Bestätigung auch für unser Schaffen, dachten wir. Und die Erkenntnis, das es längst nicht mehr darum geht, ob analoge Fotografie zurückkommt. Nein, sie ist schon lange wieder da und nimmt insbesondere bei jungen Leuten immer mehr Raum ein.
Mit entsprechend großen Erwartungen haben wir das Sonderheft am Kiosk gekauft. Mit 180 Seiten wahrlich umfangreich, in einem kompakten Format – für 15 Euro. Ganz schön teuer, ja. Aber wir wissen als Magazin-Macher nur all zu gut, was es bedeutet, ein hochwertiges Print-Produkt auf die Füße zu stellen.
Leider folgte dem fast schon ein wenig enthusiastischen Kauf schnell die Ernüchterung auf dem Fuße.
Die Leica M6 ist immer noch da!
Als Freunde und aktive Nutzer der Leica M6 blieben wir beim ersten raschen Durchblättern des Sonderheftes bei einem Betrag eben über diese wunderbare Kamera hängen. Und trauten unseren Augen nicht: Es fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass die Leica M6 seit 2022 wieder produziert wird. Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der letzten Jahre in der analogen Kamerawelt ist Autor und Redaktion bedauerlicher Weise völlig entgangen. Stattdessen wird lediglich erwähnt, dass die Leica MP weiterhin als Neugerät verfügbar sei. Überhaupt nicht eingegangen wird auf die Leica M-A. Zudem dokumentiert der Autor seine Unkenntnis durch eine völlig überholte Preisangabe für die M6. Das alles wäre nachzulesen gewesen in dem erst 2024 erschienenem Buch Leica M.
Weitere inhaltliche Eindrücke
Immerhin von hoher Fachkompetenz zeugt ein Beitrag über Belichtung vom Autorenteam Monika Andrae und Chris Marquardt. Um damit ein gelungenes Beispiel von leider nur wenigen in dieser Publikation hervorzuheben: Didaktisch verständlich und praxisbezogen aufgebaut. Macht Lust, sofort mit dem Belichtungsmesser los zu laufen, um das Erlerne gleich auszuprobieren. Schade, dass sich diese Qualität nicht über das gesamte Sonderheft fortsetzt.
Der Versuch, einen Beitrag mit erkennbarem Bezug zur aktuellen Szene herzustellen, ist eine Reportage über Fotogeschäfte und Entwicklungsdienstleistungen. Das ist zwar grundsätzlich interessant, bietet jedoch wenig Tiefe und wirkt eher wie eine Bestandsaufnahme als eine redaktionelle Entdeckung.
Die Technikartikel bieten überwiegend Grundlagenwissen — nichts, was man nicht bereits vielfach auf Websites, in Foren oder auf YouTube gesehen hätte. Ähnlich verhält es sich mit den Kamera-Porträts: solide Übersichten über bekannte Modelle, aber ohne besondere Geschichten, Hintergründe oder neue Perspektiven.
Es entstand bei uns der Eindruck, dass manche Inhalte auf älterem Material basieren. Zumindest scheinen sie ohne tieferen Bezug zur aktuellen Analog-Szene entstanden zu sein. Insgesamt bleibt das Heft weit hinter unseren Erwartungen zurück.
Papier- und Druckqualität

Schade um die Mühe von Fotograf und Model: Ein zauberhaftes Porträt versinkt im häßlichen Grau
Die mangelhafte Papier- und Druckqualität des Heftes fällt sofort beim ersten Durchblättern ins Auge. Mit Verlaub, das kommt einem Telefonbuch-Druck gleich – für knapp 15 EURO wahrlich eine Zumutung. Besonders problematisch wird das in Beiträgen, die sich mit Bildgestaltung auseinander setzen. Ein Artikel über Schwarzweiß-Bildkomposition verliert nahezu vollständig seine Aussagekraft. Weil die Druckqualität wichtige Bildinformationen nicht ansatzweise ausreichend transportiert.

Was will und dieses Bild sagen?
Technische Illustrationen versinken teils in düsterer Unkenntlichkeit. Dabei sind oft winzige Details in einer Sachaufnahme von Bedeutung, um das betreffende Produkt in seiner Funktion zu verstehen.
Alle Originalaufnahmen dieser Publikation mögen ja die teils beschriebenen Qualitäten besitzen — im Druck sind sie nicht nachvollziehbar.
Wir vertreten die Meinung, will man Fotografie zu Papier bringen, kann der Druck garnicht hochwertig genug sein. Noch dazu besteht schließlich der Anspruch, Menschen für Fotografie zu begeistern.

Zweimal das selbe Bild: links in c’t Analoge Fotografie 2026,
rechts als hochwertiger Buchdruck aus Absolut analog vom dpunkt Verlag.
Papier und Druck ist nicht alles, aber für ein Fotomagazin eben doch entscheidend.
Fazit
Das Heft fühlt sich an, wie ein schneller Versuch, noch auf den Analog-Trend aufzuspringen. Das ist schade – eine vertane Chance. Print muss heute mehr leisten als reine Informationsvermittlung. Wenn ein Magazin gedruckt wird, sollte es etwas bieten, das über das hinausgeht, was digital jederzeit verfügbar ist — inhaltlich wie haptisch. Dieses Sonderheft zeigt das Gegenteil: Für vieles darin hätte ein PDF völlig ausgereicht.
Wer überlegt, das Heft zu kaufen, sollte bedenken, dass es für einen ähnlichen Preis hervorragend recherchierte und exzellent gedruckte Magazine gibt, die sich intensiv und kompetent mit analoger Fotografie beschäftigen. Oder man gibt ein paar EURO mehr aus und kauft sich gleich ein ordentliches Kompendium, wie das erwähnte Buch Absolut analog (leider ist es derzeit vergriffen).
Liebe Kolleginnen und Kollegen vom Heise-Verlag, wir sind sicher, ihr könnt das besser. Davon zeugt jedenfalls c’t Fotografie.
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Ausgabe 28 von SilvergrainClassics ist da.
Und frühere Magazin-Ausgaben zu stark reduzierten Preisen.
