Mit Fahrrad und Gitarre von Köln nach Istambul
Ein Dokumentarfilm von Joshua Maciejok
Von Hermann Groeneverld / SilvergrainClassics
Joshua Maciejok ist freiberuflicher Regisseur, Kameramann und Fotograf aus Köln / Mainz mit dem Schwerpunkt auf Brand-Spots und Dokumentarfilmen. In den letzten Jahren hat er weltweit Projekte u.a. für Porsche, Turkish Airlines, DJI Europe, Mastercard, ZDF und Arte umgesetzt.
Im Jahr 2019 konnte Maciejok die ersten Erfahrungen mit Analogfilm im Rahmen seines MasterAbschlussprojekts „Trial and Error“ sammeln. Es ist eine sechs-minütige Kurz-Dokumentation über den Trial-Fahrer Franzi Kadlec.
Ein paar analoge Musikvideos später traute er sich 2024 an die Dreharbeiten seines mittellangen Filmdebüts AVRUPA – was dazwischen liegt auf 16mm. Für diesen Dokumentarfilm übernahm er u.a. Buch, Regie, Kamera und Schnitt. Es handelt von dem deutsch-türkischen Musiker Sinan „Sinu“ Köylü und seiner Fahrrad-Reise von Köln nach Istanbul, auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit.

Hermann Groeneveld, SilvergrainClassics (HG)
Joshua, du hast dein Film-Debüt mit dem Projekt AVRUPA – was dazwischen liegt gegeben. Worum geht es in dem einstündigen Dokumentarfilm?
Joshua Maciejok, Regisseur (JM)
Hier passt die Synopsis des Projekts ganz gut. Zu Beginn der Vorproduktion lautete sie wie folgt:
März 2024: Sinan „Sinu“ Köylü macht sich auf den Weg. Mit dem Fahrrad und der Gitarre tritt der deutsch-türkische Musiker seine siebenwöchige Reise von Köln nach Istanbul an. Eine über 3.000 km lange Strecke, die ihn durch zehn Länder führt; von der ersten in die zweite Heimat, auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Die Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Die kulturelle Vielfalt der Bevölkerung spiegelt sich in ihren Ansichten und Lebensweisen. Dabei überwinden Sinu’s Gesang und Gitarrenspiel die sprachlichen Barrieren und es entsteht ein Album; der Soundtrack zum Film.
HG
Und ist der Film so geworden wie Anfangs beschrieben?
JM
In den meisten Punkten stimmt die Synopsis mit dem Film überein. Nur ist auf der Reise kein ganzes Musikalbum entstanden. Die meisten Songs, die in AVRUPA zu hören sind, haben es aber auf Sinu’s Debüt-Album doch geschafft. Es wurde am 22. Mai diesen Jahres veröffentlicht..
HG
Warum hast du AVRUPA analog und nicht digital gedreht und auf Film getrimmt?
JM
Das hat mehrere Gründe: Ich bin über die letzten Jahre zum Analog-Fan geworden und wollte nach mehreren Musikvideos nun auch einen längeres Projekt auf 16mm Film umsetzen. Zudem unterstreicht dieses Medium die persönlichen Geschichten der Portraits, die in AVRUPA zu sehen sind. Ich finde das Arbeiten mit Film hat etwas meditatives und wirkt entschleunigend; fast wie Digital Detox. Mir gefällt es zum Einen, dass man sich beim Dreh selbst sehr auf die Sache fokussieren muss. Das Filmmaterial ist begrenzt und jeder Meter kostet. Das zwingt einen zur Konzentration; Run & Gun kann man sich nicht leisten.
HG
Was fasziniert dich am analogen Film? Welche Aspekte sind für dich aus künstlerischer Sicht von Bedeutung?
JM
Von den digitalen Möglichkeiten heutzutage bin ich absolut fasziniert- Aber auch die neuste Kamera-Technik und das beste Color-Grading kommen meiner Meinung nach nicht ganz an den echten Film-Look ran. Das Film-Korn ist eben einzigartig und die Farben sind organisch. Und dann kommt doch die Frage auf: Warum existieren Film Emulationen überhaupt? Die Menschheit hat sich über ein Jahrhundert lang an den Film-Look gewöhnt und dieses vermeintlich Unperfekte bringt eine gewisse Ästhetik mit sich, die das digitale cleane Bild nicht liefern kann. Dank der Filmförderung konnte ich für mein Projekt einen Shortcut nehmen. Hier passen Kodaks Worte: You want the Film look? Shoot Film.
HG
Wie habt ihr das Projekt wirtschaftlich gestemmt?
JM
Finanzielle Mittel kamen vorab durch eine Crowdfunding-Kampagne in Verbindung mit der kulturMUT Stiftung der Aventis Foundation. Später konnten wir die Medienförderung RLP für unser Projekt gewinnen. Außerdem sind noch eigene Mittel eingeflossen.
Produktionelle Unterstützung kam durch die KONTRASTFILM GmbH & Co. KG Office Mainz, die gleich zu Beginn mit in das Vorhaben eingestiegen sind.
Ohne das Geld und die Hilfe wäre die analoge Umsetzung des Projekts garnicht denkbar gewesen und wir hätten digital drehen müssen – wahrscheinlich auf einer GoPro.
HG
Wie habt ihr die eigentliche Produktion umgesetzt?
JM
Das Kern-Drehteam bestand aus Joel Knickel (1.Kamera-Assistenz, Bühne) und Nahuel Claveria (Ton, 2. Kamera-Assistenz) und mir (Regie, Kamera). Für einen Teil der Reise war Sevinj Yusifova (BTS, Runner) dabei. Wir sind mit zwei Fahrzeugen, einem VW Bus und einem Reisemobil, durch die Länder gefahren und haben unseren Protagonist Sinan auf Streckenabschnitten begleitet oder an anderen Stationen getroffen. Jana Geiß von Kontrastfilm hat aus Deutschland heraus die Produktion übernommen.
HG
Hattest du an irgendeinem Punkt auf der Reise Probleme mit der Kamera oder dem Filmmaterial?
JM
Es klappte alles wie am Schnürchen. Nur zu Beginn unseres Trips, noch in Deutschland, gab es ein Problem: Da wurde der Film im Magazin nicht richtig aufgewickelt und überbelichtet. Dadurch ist uns eine Szene verloren gegangen, die es somit leider nicht in den Film geschafft hat.
HG
Für die Filmnerds: Auf welchen Filmstocks hast du gedreht?
JM
Für den Dreh habe ich ausschließlich Kodak Vision3 200T Color Negative Film und 500T Color Negative Film Stock benutzt, weil sie die feinste Körnung besitzen. Ich wollte nicht zwischen Daylight- und Tungsten-balanced Film wechseln. Das hätte man auch im Korn gesehen. Für Außenschüsse habe ich häufig einen 85B Filter benutzt, um den Kunstlicht-Film auf Tageslicht-Temperatur zu bringen. Der Weißabgleich wurde im ColorGrading noch angepasst. Wir haben auf der Reise fast 60 Filmrollen á 122m verschossen.
HG
Und für die anderen Nerds: welche Kameratechnik hast du benutzt?
JM
Ich habe den Film zu 95% auf einer ARRIFLEX SR3 geschossen, zu 3% auf einer ECLAIR ACL II und zu 2% auf einer CANON 514XL Super 8. Bei den Optiken habe ich hauptsächlich ein Laowa 1,5x Nanomorph S35 Set für die 21:9 Schüsse benutzt. Für die 4:3 sphärischen Einstellungen hatte ich ein Arriflex 8mm und ein SchneiderKreuznach Zoom 18-90mm dabei. Für die Fahraufnahmen haben wir die SR3 auf einen DJI Ronin 2 geriggt und an das Auto gehangen.
HG
Wo habt ihr das Material entwickeln lassen und wie lief die Postproduktion ab?
JM
Die 16mm Filmrollen haben wir bei Studio l’Equipe in Brüssel entwickeln und scannen lassen. Ich arbeite schon seit vielen Jahren mit Yves Dujardin zusammen und bin mit der Qualität der Entwicklung und Abtastung sehr zufrieden. Das Super8 Material habe ich an Andec Filmtechnik GmbH in Berlin gegeben.
Natürlich würde ich gerne mal an einem analogen Schneidetisch ein Projekt editieren, aber ab diesem Punkt haben wir natürlich digital am Schnittrechner weitergearbeitet. Analog trifft auf Digital, das beste aus beiden Welten.
HG
Hast du irgendwelche Tipps und Tricks für die Community?
JM
Auf eine Sache bin ich relativ stolz: Für die Synchronisation von Film und Ton schlägt man für gewöhnlich eine Klappe. Das Problem dabei ist, dass die Kamera den Clap aufnehmen muss und dadurch ein paar Meter an Filmmaterial verloren gehen, was sich bei langen Projekten und dementsprechend vielen Filmrollen summiert.
Wir haben bei AVRUPA keine Klappe geschlagen. Stattdessen haben wir mithilfe eines VideoTaps und eines externen Videorecorders das interne Sucherbild der ARRIFLEX SR3 aufgezeichnet, bevor wir die Kamera an sich ausgelöst haben. Dabei haben wir den externen Recorder mit Absicht auf 1/30 Shutter gestellt. Die Filmkamera lief jedoch bei 25fps und 180° Shutterspeed. Die Shutter liefen also a-synchron zueinander, somit konnte man durch ein Flickern auf den Videoaufnahmen erkennen, wann die Filmkamera ausgelöst wurde. Der digitale Ton wurde mithilfe von Tentacles synchronisiert. In der Postproduktion haben wir dann die Filmscans an die Videodateien mit Audio angepasst. Et Voilá keine Zeit fürs Klappeschlagen verloren.
HG
Wann und wo kann man den Film denn sehen?
JM
Der Film wird dieses Jahr, also 2026 auf einigen Filmfestivals laufen. Außerdem planen wir eine kleine Filmtour für Winter 2026 / 2027 durch die Globetrotter-Märkte Deutschlands. Termine folgen in Kürze auf dem AVRUPA-Instagram-Kanal. Danach planen wir eine Auswertung über Streaming-Dienste und TV Mediatheken.
HG
Was passiert als Nächstes? Stehen weitere Projekte an?
JM
Bisher ist noch nichts konkretes geplant, aber es schwirrt schon seit Jahren eine Doku-Idee in meinem Kopf, die ich irgendwann dann gerne auf 35mm 4-perf Film umsetzen möchte. Mal sehen was kommt.
Geplante AVRUPA Filmvorstellungen
Globetrotter Köln
Richmodstraße 10, 50667 Köln
Samstag 21.11.2026 – 20:00 Uhr
Globetrotter Berlin
Schloßstraße 20, 12163 Berlin
Donnerstag 18.03.2027 – 19:00 Uhr
Globetrotter Hamburg
2027 – der genaue Termin wird noch bekannt gegeben
Trier Kulturkarawane
2027 – der genaue Termin wird noch bekannt gegeben
Braunschweig
2027 – Ort und Termin werden noch bekannt gegeben




