Ausgeknipst statt abgewackelt

Ein durchdachter Kamerahandgriff aus Würzburg
macht die Leica M fit fürs Stativ und angenehmer in der Handhabung

Von Hermann Groeneveld / SilvergrainClassics

Die handliche Leica M6, stets mit Schwarzweißfilm bestückt, war über Jahrzehnte mein alternativer fotografischer Workflow zur deutlich umfangreicheren und schwereren Canon F1-Ausrüstung. Zwei Kameragehäuse und ein Brennweitenspektrum von 24 bis 300 mm standen einer geradezu minimalistischen Leica-Ausrüstung gegenüber: Neben der M6 waren lediglich ein Summicron 2/35 mm und ein Summilux 1,4/75 mm mit dabei. Ganz allmählich wurde die Leica zu meiner Hauptkamera – im Gegensatz zur opulenten Canon-Ausrüstung war sie viel häufiger auf meinen Touren dabei.

 

Die in der Grundplatte des Kamerahandgriffs von Ausgeknipst integrierte Arca-Swiss-Aufnahme fällt kaum auf
(Foto: Ausgeknipst)

Vom Canon-Fotografen zum überzeugten Leica-M-Leben

Während der Corona-Zeit kam es dann zu einer weiteren Veränderung. Nicht nur mein fotografisches Handwerkszeug sollte dauerhaft ganz anders aussehen, sondern auch meine persönliche Einstellung zur Fotografie wandelte sich. Sicher auch bedingt durch den häufigeren Rückzug in meine Bücherecke während der Pandemie. Diese außergewöhnliche Zeit lenkte meine starke Konzentration quasi „systembedingt“ auf die großen Klassiker der Fotografie, die mit der Leica M groß geworden waren

Ich verabschiedete mich komplett von meiner Spiegelreflexausrüstung und beschloss, fortan ausschließlich mit der Leica M6 unterwegs zu sein. Ein weiteres Summicron 2/50 mm ergänzte die vorhandene Objektivpalette. Damit wurde ich gewissermaßen zum fast hundertprozentigen Leica-Fotografen. Fast deshalb, weil eine zweiäugige Rolleiflex für bestimmte Landschaftsaufnahmen weiterhin ihren Platz in meiner fotografischen Welt behalten durfte.

Mit der Leica M6 fotografiere ich allerdings nicht nur aus der Hand. Ich nutze sie gelegentlich auch auf einem Stativ, beispielsweise für Landschaften, Details oder Langzeitbelichtungen. Das brachte mir einmal eine recht deutliche Belehrung durch einen professionellen Leica-Fotografen ein. Ich sei kein „echter“ Leica-M-Fotograf, weil ich meine M6, wenn auch nur gelegentlich, auf ein Stativ montiere. Eine Leica M gehöre schließlich nicht auf ein Stativ.

Nun, ich sehe das etwas anders und lasse mich davon auch nicht beirren. Eine Kamera ist für mich ein Werkzeug. Und wenn eine bestimmte Aufnahmesituation den Einsatz eines Stativs erfordert, dann kommt eben auch die Leica M aufs Stativ. Allerdings muss ich zugeben, dass die serienmäßige Stativbefestigung der Leica M alles andere als komfortabel ist. Ehrlicherweise sei auch gesagt, die M ist nicht wirklich für den Stativ-Betrieb konzipiert. Ich halte sie meistens ganz gerne in meinen Händen, denn dafür ist sie wirklich gebaut.

Ein konstruktives Problem mit Folgen

Eine Leica M ohne Hilfsmittel auf ein Stativ zu montieren und exakt auszurichten ist eine ziemlich fummelige Angelegenheit
(Foto: Hermann Groeneveld)

Das Stativgewinde der Leica M befindet sich am Kameraboden unmittelbar unterhalb der Filmspule. Dadurch sitzt die Kamera auf einem Stativ nicht mittig, sondern deutlich asymmetrisch. Das stört weniger mein ästhetisches Empfinden. Vielmehr erschwert es das exakte Ausrichten der Kamera auf das Motiv. Hinzu kommt meine Befürchtung, dass die unausgewogene Positionierung auf Dauer dem Kameragehäuse und der Statik der Konstruktion nicht unbedingt guttut.

Um die Kamera halbwegs stabil auf dem Stativ zu fixieren, muss man die Stativschraube zudem ungewöhnlich kräftig anziehen und immer wieder nachziehen. Eine wirklich überzeugende Lösung sieht für mich anders aus.

Ich machte mich deshalb auf die Suche nach einem Kamerahandgriff, der eine mittig angeordnete Stativgewindebuchse beziehungsweise eine entsprechend zentrierte Stativaufnahme bietet.

Kamerahandgriff mit Wackelkontakt

Bei dem Kamerahandgriff dieses Herstellers fehlt eine durchgehende, beidseitige Führung
zur Vermeidung unkontrollierten
Verdrehens der Kamera auf dem Stativ
(Foto: Hermann Groeneveld)

Ein scheinbar solider Griff aus Metall für meine M6 war schnell im Netz gefunden. Was zunächst nach einer soliden Lösung aussah, entpuppte sich jedoch im praktischen Einsatz als ein ziemlich teurer, kompletter Fehlkauf – als ein Desaster, so muß ich es leider sagen.

Das Grundproblem: Dem Handgriff spendierte ich zusätzlich eine separate Arca-Swiss-Platte, zur bequemeren Montage der Kamera auf dem Stativ. Bei einem komplett montierten Griff hatte ich es dadurch gleich mit drei Verschraubungen zu tun. Und genau hier begann das Ärgernis. Nach längerer Benutzung lösten sich die Verschraubungen immer wieder unkontrolliert.

Was mir außerdem völlig fehlte, war eine vernünftige Führung, welche die Grundplatte des Handgriffs exakt und fest am Gehäuse in Position hält. Die Konstruktion ließ sich nicht zuverlässig gegen ein Verdrehen sichern. Ein solcher konstruktiver Mangel ist für mich bei einem Zubehörteil in der Preisklasse von weit über 100 EURO nicht akzeptabel.

Auch der Filmwechsel bei meiner Leica wurde bei angesetztem Handgriff zum Alptraum, da man diesen zuvor abschrauben musste. Besonders unterwegs, wenn es schnell gehen musste, war das eine ausgesprochen unpraktische Angelegenheit.

Das Teil war für mich nicht nur unbrauchbar, sondern wurde sogar zu einem ernsthaften Sicherheitsrisiko für meine Leica.

Kamerahandgriff mit integrierter Arca-Swiss-Aufnahme

Die Führung der Grundplatte des Ausgeknipst-Kamerahandgriffs umfasst die Bodenplatte der Leica M beidseitig
und verhindert somit unkontrolliertes Verdrehen der Kamera auf dem Stativ

Foto: Hermann Groeneveld)

Bei meiner weiteren Suche nach einer passablen Lösung stieß ich schließlich auf die Firma Ausgeknipst aus Würzburg. Dort gibt es einen Kamerahandgriff für die Leica, den Handgriff für Leica M3, M4, M6, M7, MP (Arca Swiss Platte). Vertrauensbildend auf den allerersten Blick war die verblüffende Einfachheit der Konstruktion. Der komplette Handgriff ist wahrhaftig aus einem Guss: Er wird vollständig in einem Stück im 3D-Druckverfahren hergestellt. Er ist federleicht und vermittelt dennoch Stabilität.

Vor allem aber ist die Befestigung erfreulich unkompliziert. Statt der drei Verschraubungen, mit denen ich mich zuvor herumärgern musste, gibt es hier nur noch eine einzige Schraube zur Befestigung an der Kamera. Einmal angeschraubt, sitzt der Handgriff bombenfest. Auch nach intensiver Benutzung hat sich bislang nie etwas gelockert.

Ein wesentlicher Grund dafür ist die Konstruktion der Grundplatte. Sie umfasst die Bodenplatte der Leica vollständig und verhindert dadurch ein unkontrolliertes Verdrehen der gesamten Einheit.

Stabiler, federleichter und einteiliger Kamerahandgriff von Ausgeknipst (links)
versus

Instabiles, schweres, dreiteiliges System mit potentiellen Schwachstellen (rechts)
(Foto. Hermann Groeneveld)

Die Arca-Swiss-Platte ist sozusagen fest in die Grundplatte des Handgriffs integriert. Noch dazu völlig unspektakulär, gar unauffällig auf den ersten Blick. Es handelt sich auch nicht wirklich um eine echte Arca-Swiss-Platte; vielmehr ist ihre Form und Funktion passgenau im 3D-Druck nachgebildet worden. Dank dieser Lösung kann die Kamera mit montiertem Ausgeknipst-Handgriff ohne die sonst übliche Platte direkt auf kompatible Stativköpfe montiert werden. Eine lästige, zusätzliche Verschraubung entfällt somit. Genau das ist für mich ein entscheidender Vorteil: Eine potenzielle Schwachstelle eliminiert, an der etwas wackeln und sich lösen könnte.

Filmwechsel ohne Demontage

Bequemer Filmwechsel: Der Ausgeknipst-Kamerahandgriff verbleibt an der Bodenplatte der Leica M
(Foto: Hermann Groeneveld)

Ein weiterer Vorteil zeigte sich prompt im ganz normalen fotografischen Alltag: Der Film lässt sich bei montiertem Ausgeknipst-Handgriff problemlos wechseln. Der Griff kann also dauerhaft an der Kamera verbleiben. Was zunächst vielleicht wie ein nebensächliches Detail klingt, erweist sich in der Praxis als ausgesprochen angenehm. Wer schon einmal unterwegs bei schlechten Lichtverhältnissen oder gar im Laufschritt den Film bei seiner Leica M wechseln musste, weiß das zu schätzen.

Anfangs hatte mich etwas verunsichert, dass ich die lose beiliegende Befestigungsschraube bei der Erstmontage des Handgriffs an die Kamera mit ziemlich viel Kraft eindrehen musste. Das aber nur beim ersten Mal. Denn die Schraube verbleibt fortan am Handgriff und kann nicht verloren gehen.

Die integrierte Arca-Swiss-Aufnahme stört überhaupt nicht, wenn ich ohne Stativ aus der Hand fotografiere. Sie beeinträchtigt die Handhabung der Kamera nicht und macht den Handgriff keineswegs zu einem reinen Stativzubehör. Im Gegenteil.

Auch beim Fotografieren aus der Hand eine Bereicherung

Mittlerweile verbleibt der Handgriff permanent an meiner Leica M6. Auch das Fotografieren aus der Hand empfinde ich damit als angenehmer. Der ergonomische Griff ergänzt die ohnehin formvollendete Leica M6 um eine praktische und zugleich unaufdringliche Komponente. Die Kamera fühlt sich nach meinem Empfinden noch angenehmer an, und ich nehme sie tatsächlich gerne mit angesetztem Ausgeknipst-Handgriff in die Hand. Damit hat sich das Zubehörteil von einer zunächst gezielt gesuchten Problemlösung zu einem festen Bestandteil meiner Leica-Ausrüstung entwickelt.

Ohne potentiellen Schwachstellen

Die Konstruktion des Handgriffs für Leica M3, M4, M6, M7, MP (Arca Swiss Platte) von Ausgeknipst überzeugt durch ihre Einfachheit, das geringe Gewicht, die stabile Befestigung und die integrierte Arca-Swiss-Aufnahme. Besonders wichtig ist mir, dass der Griff nicht bei jedem Filmwechsel demontiert werden muss und sich auch bei intensiver Benutzung keine Verschraubungen lösen. Eine durchdachte, verdrehsichere Konstruktion, ohne potenzielle Schwachstellen, passend für alle analogen Leicas von der M2 bis zur MP. Zu einem Preis von knapp 45 EURO. Die Preise für die entsprechenden Produkte der Mitbewerber liegen mindestens beim zwei-, bisweilen beim drei- bis vierfachen gegenüber der Lösung von Ausgeknipst.

Mein Dank gilt schließlich Vladi von Ausgeknipst für den individuellen Support und insbesondere für die Möglichkeit, den Handgriff bereits vor dem Kauf testen zu dürfen.

Wer Zubehör oder am Markt kaum noch erhältliche Ersatzteile für seine analoge Fotoausrüstung sucht, sollte unbedingt einmal mit Ausgeknipst in Würzburg sprechen. Vladi Shenker und Anto Fragasso sind ausgesprochen hilfsbereit, verfügen über eine Menge Ideen und haben Freude daran, gemeinsam mit ihren Kunden nach Lösungen zu suchen. Auch dann, wenn es einmal etwas ausgefallener wird.

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