Nach Jahren der Turbulenzen

Bekommt Europas Filmindustrie eine zweite Chance?

Von Marwan El Mozayen / SilvergrainClassics

Zwischen den meterdicken Betonwänden des Bilker Bunkers in Düsseldorf hängen Fotografien auf Kleinbild-, Mittelformat- und Großformatfilm. Besucher diskutieren über Emulsionen, Scanner und Dunkelkammertechniken. Es geht um Analogfotografie – aber an diesem Abend geht es um weit mehr als Nostalgie.

Während Christophe „Chris“ Vandebroek durch die Ausstellung BEYOND FILM führt, wird schnell klar, dass hier nicht einfach nur ein weiterer Filmhersteller seine Produkte präsentiert. Vielmehr scheint sich etwas Grundlegendes zu verändern.

Nur wenige Tage später wird bekannt: Chris Vandebroek übernimmt im Rahmen des Insolvenzverfahrens die beiden Unternehmen InovisCoat und Filmotec. Für die meisten Fotograf:innen ist das zunächst nur eine weitere Unternehmensmeldung. Wer jedoch die europäische Filmindustrie seit Jahren verfolgt, erkennt schnell, dass diese Nachricht eine ganz andere Tragweite haben könnte.

Eine Industrie zwischen Hoffnung und Ernüchterung

Die vergangenen Jahre waren für die europäische Filmindustrie geprägt von großen Versprechen. Immer wieder wurden neue Farbfilme angekündigt. Traditionsmarken sollten wiederbelebt werden. Auch im Bereich Motion Picture schien plötzlich vieles möglich. Die Hoffnung war groß, dass Europa wieder eine ernstzunehmende Alternative zu Kodak und Fujifilm aufbauen könnte. Doch hinter den Ankündigungen entwickelte sich eine andere Geschichte.

Als SilvergrainClassics Ende 2023 den Artikel The State of the Photochemical Industry in 2023 veröffentlichte, kamen nach monatelangen Recherchen komplexe Firmenstrukturen, wirtschaftliche Unsicherheiten und zahlreiche offene Fragen rund um den Namen Jake Seal und die verschiedenen Unternehmen seiner Gruppe ans Licht. Damals wurde kontrovers diskutiert. Heute wirken viele der damaligen Recherchen beinahe wie eine Chronik dessen, was anschließend geschah. Gerade deshalb begegneten auch wir jeder neuen Entwicklung zunächst mit erheblicher Skepsis. Diese Skepsis verschwand nicht durch Pressemitteilungen oder Marketing.

Wir testeten den OptiColour 200 und berichteten darüber in Ausgabe 20 von SilvergrainClassics. Es folgten intensive Gespräche mit Chris Vandebroek und seinem Team. Schließlich trafen wir uns persönlich während der Veranstaltung BEYOND FILM im Bilker Bunker in Düsseldorf. Nicht einzelne Aussagen überzeugten uns. Es war die Summe vieler kleiner Beobachtungen.

Vom Anwender zum Hersteller

Chris Vandebroek stammt weder aus der klassischen Film- noch aus der Chemieindustrie. Seine Karriere begann als erfolgreicher Softwareunternehmer. Erst später entschied er sich, seine Leidenschaft für analoge Fotografie zum Mittelpunkt eines neuen Unternehmens zu machen.

Sein Einstieg erfolgte nicht über den Kauf einer traditionsreichen Marke. Er begann mit einem Werkzeug. Mit dem Film Killer entwickelte seine Firma Optik Oldschool zunächst ein präzises Schneidewerkzeug für 35-mm- und 120er-Film. Es folgten die Film Racks, Analogue Ave und weitere Produkte – praktische Lösungen für den analogen Workflow.

2024 eröffnete Optik Oldschool ein eigenes Fachlabor für Filmentwicklung und hochwertige Scans. Von Beginn an war dieses Labor mehr als ein Dienstleistungsbetrieb. Es entstand als Ort, an dem Prozesse sichtbar werden, Wissen weitergegeben wird und Fotograf:innen miteinander ins Gespräch kommen können.

2025 folgte schließlich der Einstieg in die Filmentwicklung. Gemeinsam mit InovisCoat war Optik Oldschool nach eigenen Angaben durchgehend an der Entwicklung des OptiColour 200 beteiligt. Durch kontinuierliches Feedback, Labortests und umfangreiche Praxiserfahrungen wurde die Emulsion gemeinsam weiterentwickelt. Heute ist OptiColour 200 in 35-mm- und 120er-Ausführung und als Großformatfilm erhältlich.

Mehr als ein Film

Während der Veranstaltung BEYOND FILM führte mich Chris Vandebroek persönlich durch die Ausstellung. Die beeindruckende Kulisse des Bilker Bunkers bildete den Rahmen für Arbeiten auf Kleinbild-, Mittel- und Großformatfilm, Sofortbildmaterial sowie alternativen fotografischen Verfahren.

Mindestens ebenso interessant wie die Ausstellung selbst war das Gespräch. Chris sprach erstaunlich selten über sich selbst. Stattdessen ging es immer wieder um das Team. Um Chemiker. Um Entwickler. Um Menschen in der Produktion. Um das Labor. Um Fotograf:innen. Um langfristige Strukturen. Für mich entstand der Eindruck, dass nicht etwa eine klassische Gründerfigur im Mittelpunkt stehen möchte. Vielmehr scheint ein Unternehmen zu entstehen, das bewusst Kompetenzen bündelt und Verantwortung verteilt.

Auch die Veranstaltung selbst unterstrich diesen Eindruck. BEYOND FILM war keine klassische Produktpräsentation. Sie brachte Fotograf:innen zusammen, bot Raum für Gespräche, Vorträge und Diskussionen und zeigte, dass der direkte Austausch mit der Community offenbar ein zentraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie ist.

Unsere Erfahrungen

Auch wir bei SilvergrainClassics konnten alle Materialien von Optik Oldschool inzwischen intensiv testen. Unsere Erfahrungen reichen mittlerweile vom 35-mm-Film bis hin zu 5×7 Inch. Gleichzeitig planen wir, in naher Zukunft auch intensiv mit 35-mm-Motion-Picture-Film zu experimentieren und darüber zu berichten.

Der OptiColour 200 versteht sich derzeit noch nicht als direkter Konkurrent zu Kodaks modernsten Farbnegativfilmen. Sein Charakter erinnert vielmehr an europäische Farbfilme früherer Generationen und weist durchaus Parallelen zu Agfa-Materialien der 1980er- und 1990er-Jahre auf. Gerade darin liegt sein eigener Reiz.

Nach Aussagen des Unternehmens ist dies allerdings erst der Anfang. Bereits heute wird an weiteren Emulsionsgüssen gearbeitet. Gleichzeitig fließen Investitionen in Emulsionsentwicklung, Beschichtungstechnologie und zusätzliche Produktionskapazitäten. Das erklärte Ziel besteht darin, die technische Leistungsfähigkeit der Filme kontinuierlich weiterzuentwickeln und langfristig das Niveau der weltweit führenden Hersteller zu erreichen.

Warum diese Übernahme wichtig ist

Mit InovisCoat übernimmt Optik Oldschool eines der wenigen Unternehmen weltweit, das moderne fotografische Emulsionen entwickeln und mehrschichtig beschichten kann. Mit Filmotec kommt jahrzehntelange Erfahrung in der Herstellung fotografischer und kinematografischer Filme hinzu. Zum ersten Mal seit vielen Jahren scheinen damit Emulsionsentwicklung, Beschichtung, Produktion und die Perspektive aktiver Analogfotograf:innen wieder unter einem gemeinsamen Dach zusammenzufinden.

Ebenso wichtig erscheint der langfristige Investitionsansatz. Dabei beschränken sich die Pläne ausdrücklich nicht auf die klassische Fotografie. Auch der Bereich Motion Picture soll weiterentwickelt werden. Sollte es gelingen, beide Bereiche nachhaltig auszubauen, könnte dies weit über Deutschland hinaus Bedeutung für die gesamte europäische Filmindustrie haben.

Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt

Die Übernahme allein markiert noch keinen Erfolg. Vielmehr ist sie der Beginn einer großen Aufgabe. Filmproduktion bleibt kapitalintensiv. Emulsionsentwicklung gehört zu den anspruchsvollsten industriellen Prozessen überhaupt. Produktionsanlagen müssen modernisiert und ausgelastet werden. Gleichzeitig erwarten Fotograf:innen höchste Qualität bei vergleichsweise kleinen Stückzahlen. All das lässt sich nicht durch Begeisterung allein lösen.

Aber vielleicht braucht diese Industrie genau die Kombination, die sich derzeit bei Optik Oldschool abzeichnet: unternehmerische Erfahrung, technisches Know-how, funktionierende Produktionsanlagen, ein wachsendes Team und den Willen, langfristig zu investieren. Ob daraus tatsächlich eine Renaissance der europäischen Filmproduktion entsteht, wird erst die Zukunft zeigen.

Nach Jahren, in denen große Versprechen häufig schneller entstanden als funktionierende Produkte, fühlt sich dieser Ansatz zumindest anders an. Und allein das ist in dieser Branche inzwischen schon eine bemerkenswerte Nachricht.

Persönliche Anmerkung des Autors

Zum Schluss möchte ich eine persönliche Bemerkung hinzufügen.

In den vergangenen Jahren habe ich viele Entwicklungen in der analogen Industrie begleitet. Die Erfahrungen mit dem Niedergang von Tetenal, den vollmundigen Versprechen verschiedener Nachfolgeprojekte und dem, was ich als anschließende Ausschlachtung des Unternehmens empfunden habe, ebenso wie die Vorgänge rund um Wolfen Film, haben mich zunehmend skeptisch werden lassen. Zu oft wurden große Visionen präsentiert, denen später wirtschaftliche Probleme, Insolvenzen oder enttäuschte Erwartungen folgten. Vielleicht bin ich deshalb kritischer geworden als viele andere Beobachter dieser Branche.

Ich habe noch immer kein blindes Vertrauen – und das wäre bei einem Projekt dieser Größenordnung auch nicht angebracht. Die Herausforderungen sind enorm. Letztlich werden nicht Ankündigungen, sondern die kommenden Jahre zeigen, ob die gesteckten Ziele erreicht werden.

Meine persönliche Einschätzung zu Optik Oldschool ist dennoch eine andere, eine positive: Es ist dies das erste Mal seit langer Zeit, dass ich einen Artikel mit einer echten Überzeugung schreiben konnte. Nicht, weil mir jemand etwas versprochen hätte, sondern weil ich funktionierende Produkte gesehen habe, weil wir mit den Materialien bereits intensiv arbeiten konnten, weil ich die Menschen hinter dem Unternehmen kennenlernen durfte und weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass hier Schritt für Schritt etwas aufgebaut und nicht lediglich eine Geschichte erzählt wird.

Das ist meine persönliche Meinung. Sie mag subjektiv und sicherlich auch von den Erfahrungen der vergangenen Jahre geprägt sein. Dennoch überwiegt erstmals ein positiver Eindruck. Ich hoffe, dass sich dieses Gefühl bestätigt. Nicht nur im Interesse von Optik Oldschool, sondern im Interesse der gesamten analogen Fotografie und des Motion-Picture-Bereichs. Denn Europa braucht Unternehmen, die bereit sind, langfristig in Wissen, Menschen, Produktionsanlagen und neue Emulsionen zu investieren.

SilvergrainClassics wird diese Entwicklung aufmerksam begleiten – kritisch, aber offen. Und wir werden darüber berichten, wie sich die Geschichte weiterentwickelt.

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