Ein Film, der dich herausfordert
Von Hermann Groeneveld / SilvergrainClassics

Bei meinen vorbereitenden Recherchen zum Fotoshooting mit dem ILFORD ILFOCOLOR 400 PLUS Vintage Tone stieß ich im Netz überraschender Weise auf wahrlich stark polarisierende Kommentare: von der Film erfüllt sein Vintage-Versprechen über Ost-Film-Ästhetik bis hin zu sehr ausgewaschen und grau.
Also wohl kein Allround-Film dachte ich mir. Meinen Test sollte ich möglichst breit anlegen. Situationen, Licht, Kontrast und Farbe so vielfältig wie möglich ausprobieren, war meine Vorgabe, um herauszufinden, wo der Film seine Stärken für meine Fotografie zeigt.

Überlege, wo du den ILFOCOLOR 400 PLUS einsetzen willst
Schon das Betrachten erster entwickelter Negative am Leuchtpult ließ einen ungewöhnlich deutlichen Vintage-Look vermuten. Was rudimentäre Scans mit meinem Flachbettscanner bestätigten. Dadurch gewann ich schnell einen groben Überblick, wie der ILFOCOLOR 400 PLUS auf verschiedene Beleuchtungssituationen, Farbgebungen bei Tages- und Kunstlicht und auf die Film-Belichtung reagiert. Und damit auch die Erkenntnis, für mich wohlgemerkt, wo ich diesen Film besser nicht einsetze. Oder gerade einsetze, entgegen jeglicher persönlicher Erkenntnisse über das Verhalten von Farbfilmen. Denn sein Look ist nun mal sehr speziell, eben retro und nicht klassisch neutral.

An sonnigen Tagen mit kontrastreichen Motiven lässt sich der Charakter des ILFOCOLOR nach meiner Einschätzung am besten beurteilen: Hauttöne und helle Flächen (Architektur, Landschaft) bilden bei weitem nicht die Dynamik eines klassischen Farbfilms ab. Im Schatten tat ich mich schwer, Zeichnung herauszuarbeiten. Ich habe versucht, mit etwas reichlicher Belichtung (eine Blende) gegen zu steuern. Dabei erschien mir aber das Filmkorn zu dominant. Und die hellen Bildtöne traten noch etwas blasser hervor.
Meinen Geschmack traf das auf den ersten Blick nicht so recht. Ich möchte aber betonen, dass ich nicht von einem Manko des Materials spreche. Denn du kannst genau diese geschilderten Eigenschaften bewußt akzeptieren. So ist Vintage-Look. Das als Herausforderung betrachten und in deinen kreativen Prozess einbauen, kann dein Weg sein.
Ich habe meinen Weg auch erst finden müssen, durch viel Testen. Und habe alles, was mich auf den ersten Blick an diesem Material störte, einfach mal ins Gegenteil umgekehrt. Nach der Maßgabe, wo und bei welchen Motiven könnten mir all diese Eigenschaften nützlich sein und meinen Horizont um ein paar Erkenntnisse erweitern.

Hochwertig Scannen und moderat Editieren
Damit die Bilder des ILFORD ILFOCOLOR 400 PLUS an meinem kalibrierten EIZO-Monitor auch so aussehen, wie ich das von einem ausgeprägten Vintage Look erwarte, lag der Schlüssel dafür ganz offensichtlich bei der Scan-Software. Hochwertiger digitaler Daten bedurfte es also. Und etwas Feingefühl beim Editieren der Bilder.

Mit dem neuen Plustek-Scanner OpticFilm 135i erstellte ich mit SilverFast AI Studio zunächst einmal ein Farbprofil des Scanners mit der sehr einfach zu handhabenden IT8-Kalibrierung von LaserSoft Imaging. Ich scannte zunächst RAW-Dateien von meinen ILFOCOLOR-Filmen. In der AI-Studio-Version von SilverFast bedeutet das, bei Ausgabe-Farbformat und Bit-Tiefe 64 Bit HDRi RAW auszuwählen. Das Ergebnis beinhaltet die maximale Qualität an Daten, die der Plustek-Scanner in der Lage ist, zu erzeugen. Einschließlich eines Infrarot-Kanals zur automatisierten Staub- und Kratzerentfernung. Wichtig ist, die vom Hersteller angegebene Auflösung (Hardware-Auflösung) zu wählen, unabhängig von einer ermittelten tatsächlichen Auflösung. Im Falle des 135i sind das 7200 dpi.
Alle Werkzeuge zur Bildoptimierung sind dabei ausgeschaltet. Denn hier geht es erst einmal nur um das Erfassen maximaler Datenqualität. Die Bildoptimierung ist ein eigener Arbeitsgang.

In der Vorschau des gesamten gescannten Films im Virtuellen Leuchttisch von AI Studio konnte ich schon ziemlich gut erkennen, was mich erwarten würde. Eben sehr viel Fine-Tuning mit ganz viel Fingerspitzengefühl, um den Vintage Look des Films heraus zu arbeiten. Leider passiert es ganz schnell, dass man den Look des Films mit einem einzigen, unbedarften Mausklick zerstört. Wenn du dich nämlich ausnahmslos auf eine automatisierte Bildoptimierung ein lässt. Daher nutze ich den Auto-Button (Standard-Auto-Bildoptimierung) in SilverFast nicht. So sehr mir diese Funktion schon bei meinen Standard- Filmen, z.B. der Porta-Reihe von Kodak geholfen hatte, erst einmal eine gute Ausgangssituation für weiteres Editieren zu schaffen – in diesem Fall rate ich davon ab.
NagaFix

Um dem Farbcharakter eines Films in den Griff zu bekommen, ist die Funktion NegaFix von SilverFast extrem hilfreich. Dahinter verbergen sich weit über 120 Filmprofile, die LaserSoft Imaging ausgetestet und seiner Software mit gegeben hat. Die Profile werden zwar ständig um noch nicht erfasste Filme erweitert. Aber für ILFOCOLOR 400 PLUS ist keines hinterlegt.
Natürlich kannst du dir mit SilverFast ein eigenes Filmprofil erarbeiten und speichern. Das erfordert schon etwas Einarbeitung in die Materie. Ich bin den Weg gegangen, mir aus den von der Software vorgegebenen Filmprofilen ein für mich passendes auszuwählen und das dann so anzupassen, dass es meinem gewünschten Vintage Look möglichst nahe kommt. Letztlich ist das natürlich sehr subjektiv.
Um ein Maximum an Datenqualität über dem gesamten Prozess zu bewahren, wähle ich stets bei Ausgabe-Fabformat und Bit-Tiefe 48 Bit. Damit behält das ausgegebene Bild ein Maximum an Datenqualität, sollte eine abschließende Bildbearbeitung mit einem anderen Editor erforderlich sein. Bei NegaFix habe ich einen Fuji-Film gewählt, dessen Profil mir nach etlichen Versuchen mit diversen anderen Profilen schließlich zusagte. Allerdings habe ich das Profil mit den Reglern Belichtung (Exposure) und Toleranz (Toleranze) etwas nachkorrigiert. Dazu solltest du unbedingt das Eingabe-Histogram (Input Histogramm) im Blick haben: Wähle die Einstellungen der beiden genannten Regler so, dass das Histogramm in den Lichtern (Highlight) und Schatten (Shadow) nicht beschnitten wird. Denn dadurch würdest du unnötig Tonwerte in deinem Bild verlieren. Die Einstellung Farbstich-Entfernung (CCR) habe ich deaktiviert. Insgesamt erschien mir das Bild nach diesen Korrekturen etwas weicher und Vintage-Ton gerechter.
Eingabe Histogramm

Im Eingabe-Histogramm (Input Histogramm) habe den Fabmodi RGB gewählt – dazu mußt du in den Experten-Dialog (Expert Settings) wechseln. Hier moderate Korrekturen vorzunehmen, macht natürlich nur Sinn, wenn du zuvor die IT8-Kalibrierung deines Scanners vorgenommen hast. In dem Beispiel haben meine Anpassungen den mich störenden Violett-Ton aus dem Himmel (oberer Bildrand) weitgehend herausnehmen können.
Staub- und Kratzer-Entfernung

Bei der automatischen Funktion Staub- und Kratzerentfernung (Dust- and Scratch-Removal) arbeiten nach meinen Erfahrungen Plustek OpticFilm-Scanner und die Software SilverFast so perfekt zusammen, dass es kaum Abweichungen von den Voreinstellungen bedarf. Ich prüfe das Bild dennoch stets in der 100%-Darstellung, meistens anhand großer Flächen, wie Himmel. Es genügt, den Regler Erkennung (Detection) in der Mitte der Skala zu positionieren.
Unschärfe-Maskierung

Der Dialog Unschärfe-Maskierung (Unsharp Masking) verleitet leicht zu der Annahme, viel hilft auch viel. Ich bin da sehr vorsichtig geworden, habe festgestellt, nicht alle Filme reagieren auf den Grad des Nachschärfens gleich. Du solltest dich langsam an ein Ergebnis herantasten, indem du bei deinen Tests stets die 100%-Darstellung deines Bildes im Auge behälst. Ich weiche bei meinem Beispiel ziemlich deutlich von den Presets von SilverFast ab. Denn übertriebenes Nachschärfen kann beim ILFOCOLOR nach meinen Erfahrungen ungewünschte Artefakte, wie verstärktes Filmkorn hervor rufen.
Schwarz- und Weißpunkt

Ich benutze diese Funktion höchst selten. In diesem Fall habe ich den Schwarzpunkt (Black Point) auf den dunklen Bereich des Torbogens gesetzt, den Weißpunkt aber ausser acht gelassen. Das Bild bekam dadurch einen deutlich kühleren Charakter, was mir gefällt. Ich würde den Schwarzpunkt nicht auf den evt. mit gescannten Filmrand (Perforation) setzen, sondern immer den Punkt im Motiv suchen.
Gradation

Mit den gezeigten Einstellungen sollte das Bild weitgehend stimmen. Ich nehme mir zum Schluß meistens die Gradationskurve (Gradation) noch vor. Hier tune ich allenfalls im Expert Dialog den Mittelton (Midtone). Den Schatten (Shadow) ganz leicht anzuheben, kann bisweilen sinnvoll sein.
Wo ich den ILFOCOLOR 400 PLUS klasse finde
Soweit zu meinen Einstellungen in SilverFast, die ich mir für diesen Film als Basis-Einstellungen gespeichert habe. Bei anderen Motiven des gleichen Films war aber häufig ein weiteres Fine-Tuning (meistens in der Gradationskurve) erforderlich. Entstanden ist, was dich vielleicht überraschen wird, ein eher kühl wirkendes Bild vom Eingangsbereich der Zitadelle von Jülich. Vielleicht erwartest du bei einem Vintage Look eher warme Bildtöne? Aber das Kühle gibt die Stimmung, wie ich sie an einem regnerischen Herbst Morgen empfunden habe, ganz gut wieder. Und zwar just in dem Moment, als ein Sonnenstrahl die Szene nur ganz kurz aufhellte. Und verdeutlicht auch wiederum, dass du bei den Einstellungen deiner Scan-Software ziemlich viel Spielraum hast. Es gibt für Vintage-Filme nach meiner Erfahrung keine idealen Werte, wie man das von einem kalssisch-neutralen Farbfilm kennt. Vielmehr kommt es auf deine Empfindungen an und was du ausdrücken willst.

Ich habe nach den ersten Tests ziemlich schnell herausgefunden, wo meine Motive für den ILFOCOLOR 400 PLUS zu suchen sind. Porträts zum Beispiel, bei gedämpften Tageslicht, in einem Raum in der Nähe eines Fensters. Oder im Freien bei bewölktem Himmel. Aber stets mit exakter Belichtungs-Messung auf die Hauttöne. Stills, wie Florales im Garten, Früchte oder eine Baumrinde: Plötzlich nahm ich den Film als eine Offenbarung für meine Fotografie war, und eine Möglichkeit, neue Wege in der Farbe zu beschreiten.

Es fiel auf, dass mir Motive im Nahbereich überzeugender gelingen, als weitläufige Landschaften / Stadtlandschaften. Das lässt sich für mich gut erklären: Bei Details wirkt das natürliche Korn des Vintage-Films gestalterisch stark unterstützend, eher schmeichelnd. Die Bilder erinnern mich an klassische Stilleben-Gemälde. Bei Landschaften und Architektur stört mich das Korn oft, die Bilder sind mir nicht klar genug.
Extrem kontrastarme und dunkle Motive haben mich in einen weiteren Grenzbereich des ILFORD-Farbfilms gebracht. Meistens waren die Ergebnisse nach meinem Geschmack unbrauchbar. In einzelnen Fällen kamen jedoch verblüffende Ergebnisse zustande: Auf den ersten Blick völlig unterbelichtet kamen die Negative daher. Erst mit gezielter Nachbearbeitung in SilverFast lies sich etwas hervor zaubern.

Fazit
Bist du künstlerisch unterwegs, solltest du genau wissen, wofür du den Film einsetzen willst. Um das heraus zu finden, opfere ein paar Testrollen. Teste den Film bei Tages-, Kunst- und Blitzlicht. Mache Belichtungsreihen. Und teste den Film mit SilverFast oder der Scan-Software deiner Wahl aus.
Zusammenfassend aus meiner Sicht lässt sch sagen: der Vintage-Look entsteht durch betont gedämpfte Farben und ein auffallendes Korn besonders in Mitten und Tiefen. Da Schatten- und Detailwiedergabe bei hohen Kontrasten nicht gerade eine Stärke des Films sind (und ganz offensichtlich auch nicht sein sollen), arbeite zwar mit viel Licht, aber bei ausgeglichener Beleuchtung (leicht bewölkter Himmel). Dann spielt dieser Film seiner Vorzüge voll aus, du wirst Freude daran haben.
Hast du dagegen deine Point-and-Shoot-Kamera mit diesem Film geladen, und arbeitest gerade nicht an einem konkreten Projekt, lass dich einfach treiben und freue dich über das Unvorhergesehene. Das macht mit dem ILFORD ILFOCOLOR 400 PLUS auf jeden Fall riesig Spaß.
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