Zwischen Kissenschlacht und Fotografie: Andrew K. Thompson im Interview

Die Geschichte von Andrew und mir beginn mit der einfachen Frage, ob ich wirklich ein Bild in Cola entwickelt hätte. Daraus entwickelte sich schnell eine Art von „Brieffreundschaft“, heute ziert sogar eines von Andrews Werken meine Wand. Er schafft es immer wieder mich zu inspirieren und mich aus kreativen Löchern zu ziehen. Genau darum will ich euch diesen kreativen und leicht verrückten Tausendsassa nicht vorenthalten.

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Hallo Andrew! Was müssen die Leser über dich wissen?
Mein Name ist Andrew K. Thompson. Ich wurde in Südkalifornien (geneuer Temple City) geboren, habe aber auch schon für jeweils 10 Jahre in San Franciso und New York gelebt.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich war 15 als ich mir beim Skaten mein Bein an 3 Stellen gebrochen habe. Mein Bruder ist 6 Jahre älter als ich und hatte damals in der Schule einen Fotografie-Kurs und konnte mir bereits einige Belichtungs- und Fokus-Tips gegeben. Ich hatte mein komplettes Bein im Gips als ein Paar meiner Skateboard-Freunde mich fragten, ob ich mit ihnen losziehen wollte. Ich sagte Ja und schnappte mir (ohne sein Wissen) die Kamera meines Bruders, drehte meine Krücken lang genug um ein Skateboard anzuschieben und suchte mit den Jungs den legendären „Animal Chin“ Skatespot. Als wir angekommen waren fotografierte ich meine Freunde, richtig verliebt hatte ich mich aber erst, als ich den Film entwickelt hatte. Diese Liebe verfolge ich bis heute.

Für alle die dich nicht kennen, wie kann man deinen Stil beschreiben?
Ich habe schon eine Menge verschiedene „Stile“ als Fotograf durchgemacht, angefangen bei Skateboard- und BMX-Fotografie, Portraits und Produktfotografie. Mit jedem Jahr meiner Entwicklung bin ich immer mehr vom traditionellen Ansatz abgewichen. Mein Interesse hat sich langsam von „Bilder aufnehmen“ hin zum Erforschen des Entstehungsprozesses gewandelt.

Wenn ich mich richtig erinnere hast du Fotografie studiert bevor du als Produktfotograf gearbeitet hast. Warum hat sich dein Arbeiten denn so verändert?
Ja, das ist richtig. Ich habe an einer sehr auf Technik und kommerzielles Arbeiten ausgelegten Schule gelernt. Es war etwas schwer für mich, denn eigentlich wollte ich in Wirklichkeit ein „Künstler“ sein. Aber statt auf eine andere Schule zu wechseln habe ich mich durchgebissen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich, wenn ich die „Regeln“ lerne, sie später besser brechen kann. Nach meinem Abschluss 1997 habe ich als Produktfotograf für ein Einkaufszentrum in einem zu 100% digitalen Studio gearbeitet. Eine Sache die mich immer gestört hat war, dass man eine digitale Datei nicht anfassen kann. Es ist nicht greifbar, und war damit auch nicht wirklich „real“ für mich. Ich fotografiere noch immer ab und an Produkte, allerdings hauptsächlich 2D und 3D Kunstwerke für eine bundesweit tätige Kunstgalerie.

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Was bedeutet das analoge Arbeitsmaterial dann für dich?
Für etwa zehn Jahre habe ich meine Bilder durch einen besonderen Prozess mit Hitze auf Leinwand oder andere Materialien übertragen und diese vernäht. Ich habe mit dem Nähen meiner Kunstwerke Mitte der 2000er begonnen. Ein paar Jahre vorher bin ich nach New York gezogen und habe meinen ersten richtigen Winter erlebt. Mitten in den verschneiten Monaten hatte ich die schlaue Idee, dass ich Finger-Tattoos auf fingerlose Handschuhe sticken könnte. Nachdem ich den Prototypen fertig hatte bekam ich plötzlich Anfragen von Freunden und Fremden. Aus diesem Projekt kam nach ein paar Jahren durch einen Freund die Idee, doch auch auf meinen Stoffbildern zu nähen. Irgendwie hat das für mich damals Sinn gemacht. Spulen wir zum Jahr 2013 vor, ich ging nach 15 wilden Jahren wieder zur Schule. Dort traf einen alten Bekannten, den RA4 Farbentwickler, und hatte unbegrenzten Zugang zu einer Dunkelkammer. Jahrelang wurden meine Bilder durch die Verwendung von Stoff als Kunsthandwerk bezeichnet, aber das hat mir nie so wirklich gepasst. Ich habe mich als Fotografen und Künstler gesehen. Der Blick der Anderen auf mich hat sich erst geändert, als ich das tatsächliche Fotomaterial zum Nähen genommen habe. Stoffarbeiten konnten von anderen Fotografen leichter als „etwas Anderes als Fotografie“ abgetan werden. Das Nähen direkt auf dem Fotopapier war dagegen eine Art von Angriff auf das Verständnis von Fotografie. Dadurch dass ich mittlerweile nur analoges Fotomaterial benutze kann meine Kunst nun endlich Komplett als Fotografie bezeichnet werden.

Trotzdem kann man sicher sagen, dass deine Arbeiten etwas außergewöhnliches im Bereich der Fotografie sind. Wie gehst du mit Angriffen auf dich und deine Arbeit um?
Das kann man wirklich sagen. Es gibt eine Geschichte die mich seit über zehn Jahren beschäftigt. Ich war noch immer an der Technikschule als mein Vater starb. Die Bilder der Starn Brüder und Sigmar Polke haben meine Arbeiten damals stark beeinflusst. (Beide haben übrigens die Grenzen meiner Ideen damals komplett gesprengt.) Ich habe die letzten Abzüge meines Vaters auf 20×24 Inch Papier abgezogen, diese dann eingerissen und zerknittert, und in einer 8×10 Inch Schale entwickelt. Mitten in diesem kathartischen Prozess kam eine andere Studentin mit ihrem perfekten 16×20 nach dem Zonensystem entwickelten Abzug von Blattwerk und sagte: “ … es ist eine Schande was du mit dem Papier machst!“ Sie sagte wirklich eine SCHANDE. Ich habe still meine Arbeit beendet aber konnte nicht anders, als mich darüber zu wundern, was das Zonensystem besser macht als mein emotional geladener Arbeitsprozess. Ich habe Bilder von Blattwerk gesehen, dass eine bestimmte mystische Wahrheit zeigt (z.B.: Minor White oder Elliot Porter), aber meistens ist ein Gebüsch doch eben nur ein Gebüsch.

Ein anderes Mal musste ich eine fast einen Meter große Kaffeekanne aus Chrom fotografieren. Eigentlich war es eher ein runder Spiegel der ALLES  um sich herum spiegelt. Als mein Endergebnis besser war als das Bild auf der Verpackung beschloss ich, dass ich nie mehr darauf hören würde, wenn mir jemand sagt, ich würde „es nicht richtig machen“. Mittlerweile bin ich überzeugt von meinen fotografischen Fähigkeiten, und wenn meine Arbeit aussieht wie „Dreck“, dann nur, weil ich will, dass es genau so aussieht. Ich glaube, dass Perfektion nur Selbstüberschätzung und Idealisierung eine Form von Propaganda ist. Fotografie ist das Medium, dass ich benutze um meine Emotionen zu transportieren, und niemand (und damit meine ich NIEMAND), kann mir sagen, dass ich etwas falsch mache. Ich habe die Arbeit gemacht, ich verstehe das Medium besser als die meisten Dinge in meinem Leben. Es ist ein Werkzeug um mich auszudrücken, und keiner kann mir vorschreiben, wie ich mich ausdrücke.

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Du hast bereits einige Namen genannt. Welche Künstler inspirieren dich aktuell?
Ich bewundere viele Künstler. Und wahrscheinlich könnte ich die Frage jedes Mal anders beantworten. Aktuell wäre es folgende Liste:
     Sigmar Polke: Seine Fotografien helfen meinen  Ideen noch immer auf die Sprünge
     Henry Holms: Seine Farbabstraktionen wurden damals nicht wirklich wertgeschätzt, aber er war ein einflussreicher Lehrer
     Betty Hahn: Wahrscheinlich die erste Person, die ihre Kunst vernäht hat.
     Alfred Steglitz: Er hat die moderne Kunst ins Land gebracht, Amerikaner können ihm dafür dankbar sein.
   Edward Steichen: Alfred Steglitz kann IHM dafür dankbar sein, dass er die moderne Kunst nach Europa gebracht hat. Oh und außerdem hat er mit anderen die „Fashion Fotografie“ erfunden.
    Marco Breuer: Nachdem ich einige seiner Abzüge in Händen halten durfte fühlte ich mich endlich wohl dabei, Nein zur Tradition zu sagen.
   Matthew Brandt: Ich finde seine Lakes and Reservoires Serie brillant!
   Alvin Langdon Colburn: Weil er die ersten komplett abstrakten Fotografien 1917 gemacht hat.

Was inspiriert dich sonst?
Das Leben inspiriert mich. Kunsthandwerk ist für mich in etwa wie eine Wurstfüllung. Eine Menge verschiedener Dinge werden zerkleinert und an Ende zu einem Endergebnis zusammengeführt.

Planst du deine Projekte vor dem Anfang oder lässt du sie sich einfach entwickeln?
Ich arbeite intuitiv. Ich habe damit aufgehört meine Projekte zu planen. Ich fange an zu arbeiten und sehe was sich dabei für mich entwickelt. Mir wurde mal gesagt, dass man keine Angst haben muss schlechte Kunst zu erzeugen. Also mache ich einfach, und mache, und mache, und mache.

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Was hält dich im Moment auf Trab?
Ich halte mich selbst auf Trab. Meine genähten Farbabzüge haben in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit bekommen. Außerdem kommen einige Ausstellungen auf mich zu. Einige Bilder sind in Miami, ich habe im Dezember zwei Gruppenausstellungen in Los Angeles, eine Soloausstellung in Texas im Januar und eine Zweimannausstellung in Südkalifornien im März. Außerdem eventuell eine Einzelausstellung in Boston im April und eine große Gruppenausstellung Ende nächstes Jahr mit Namen wie Lewis Baltz und John Divola.

Was machst du neben deiner eigenen Fotografie?
Ich lehre Fotografie an zwei Universitäten und als kreativer Ausgleich mache ich Musik. Man findet mich unter den Namen Ak AKA The BHC oder früher auch unter The Buddy HollyCo$t. Mittlerweile fühle ich mich aber nicht mehr so wütend, daher ist meine Musik auf nicht mehr so konfrontativ.

Außerdem war da doch noch etwas mit Wrestling und Kissenschlachten oder?
Yeah! Das war nett! Als ich in San Francisco lebte hatte ich die Chance, Teil einer Satire-Pro-Wrestling-Organisation namens „Incredibily Strange Wrestling“ zu werden. Es ist eine recht lange Story über die man HIER mehr lesen kann. In aller Kürze geht sie so: Ich traf einen Kerl der bei ISW war, über ihn lernte ich die Chefin kennen. Nachdem ich für einige Zeit beim Aufbau geholfen habe gaben sie mir die Chance in den Ring zu steigen. Ich wurde mit einem Kollegen zu 69 Degress, einer Scientology Boyband (ACHTUNG: Es war Satire!). Wir waren 2001 auf Warped Tour, aber irgendwann bekam Scientology Wind von uns und begann uns zu verfolgen. Es endete mit meinem Umzug nach New York, die ISW ging dann auf Europatour. Ich wollte aber selbst etwas eigenes promoten und habe Punk Rock Pillow Fight ins Leben gerufen. Irgendwie war PRPF sofort ein Hit und bekam eine Menge Aufmerksamkeit. Irgendwann habe ich den ersten „Pillow Fight World Cup“ zusammen mit der Austrian Pillow Fighting League ausgerichtet. Die Presseberichte waren verrückt und gingen um die ganze Welt, von China über Saturday Night Live!. 2o11 wurde PRPF in der norwegischen TV-Show The Golden Goal gezeigt. Aktuell ist um PRPF aber eher still da ich mich mehr auf das Fotografieren konzentriere. Ich denke oft über neue Matches nach, aber irgendwie ist die Zeit nicht richtig.

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Was kannst du anderen (jungen) Fotografen für ihren weiteren Weg mitgeben?
Das was ich auch meinen Studenten sage: Nimm die Kamera als eine Möglichkeit, um das zu erforschen was du liebst. Lass dich nicht davon beeindrucken wer die bessere Kamera wegen irgendwelchen Extras hat. Ich frage dann immer: „Hast du mal einen Hammer gesehen der sich selbst schwingt?“. Natürlich haben sie das nicht. Der Hammer ist auch nur ein Werkzeug, er hämmert Nägel und plant kein Haus. Werdet keine Fotografen die von ihrem Werkzeug besessen sind, sondern nutzt das Werkzeug um euer „Haus“ zu bauen.

Was möchtest du abschließend noch sagen?
Ich freue mich sehr über euer Interesse an meiner Arbeit. Es bedeutet mir sehr viel, dass es da draußen Leute gibt, die auf das stehen was ich mache. Für viele Jahre hat es sich für mich angefühlt, als ob ich Kunstwerke gemacht habe, die nur ich selbst zu Gesicht bekommen habe. Das hat sich nun geändert. Vielen Dank!

 

Wer mehr über Andrew und sein Schaffen erfahren will kann das über seine Homepage, auf Facebook oder Instagram