Unterwegs mit einer Holzkamera,
einem Stück Film und einer gehörigen Portion Neugier
Von Stefan Höfer
Seit ich mich an der Lochkamerafotografie versucht habe, bin ich begeistert davon. Es fühlt sich gut und echt an, wenn ich einzigartige Originale auf Film erstelle. Und das Beste daran: Diese Fotos sind nicht perfekt, sie sind mehr oder weniger grobkörnig. Aber gerade deshalb sind sie eigenwillig und sehenswert.

Meine Kamera ist eine Holzkiste mit Loch
Auf meinem Fotospaziergang habe ich nur eine handliche Holzkamera dabei. Allenfalls noch ein Stativ. Bei der Belichtung eines Motivs öffne ich die Blende und schließe sie später wieder – das ist alles. Die Dauer der Blendenöffnung, die nur ein kleines Loch in der Holzkiste darstellt, ist die Belichtungszeit. Von ganz nah bis unendlich ist alles scharf. Es lassen sich sehr schnelle, spontane Aufnahmen im Sonnenlicht machen – lustige Selbstporträts eingeschlossen. Und gar mystisch anmutende Stimmungen bei spärlichem Licht.
Bei mäßigen Lichtverhältnissen und langen Belichtungszeiten können Wasserwellen und vom Wind bewegte Blätter zu einem sanften Nebel im Bild führen; vorbeigehende Menschen verschwinden. Je nach gewähltem Blickwinkel und je nachdem, wie nah oder in welchem Winkel ich an Objekte herangehe, entstehen überraschende Perspektiven.

Angenehme Vorfreude von der Aufnahme bis zur Filmentwicklung
Lochkameras, wie meine von Ondu, lassen sich vielseitig einsetzen. Ungewöhnliche Ansichten und Szenen sind sozusagen ihre Stärke. Es lassen sich beispielsweise einfache zusammengesetzte Aufnahmen mit mehr als einer Belichtung auf einem einzigen Filmstück erstellen. Manchmal experimentierte ich, indem ich nur einen Teil einer Aufnahme vor spule. Dadurch kombiniere ich verschiedene Szenen auf kunstvolle Weise in einem Bild, was zu einer völlig neuen Bildaussage führt.
Mit den Lochkamerafotos ist es ein bisschen wie an Weihnachten: Bis der Film entwickelt ist, hat man diese angenehme Vorfreude darauf, wie die fotografierte Szene wohl aussehen mag. Denn bei Lochkameras gibt es keinen Sucher. Das Endergebnis der zuvor während des Fotografierens geschätzten Perspektive und die Wirkung der Belichtungszeit lassen sich erst anhand des entwickelten Negativs erkennen.
Kurz gesagt: Die Lochkamerafotografie ist einfach, macht Spaß und liefert oft überraschend coole Fotoergebnisse. Sie lässt einen in hektischen Zeiten zur Ruhe kommen, und gerade das Unvollkommene daran macht sie so authentisch und sehenswert.
Was ich als besonders angenehm empfinde in rastlosen und anonymen Zeiten: Wenn ich an einem öffentlichen Ort mit einer Lochkamera arbeite, komme ich häufig mit anderen fotobegeisterten Menschen in Kontakt.

Ein digitales Endgerät zur Belichtungskontrolle ist kein Stilbruch
Ich habe noch nie einen professionellen Belichtungsmesser verwendet. Aufwendige Berechnungen anhand von Testaufnahmen mit einer anderen analogen Kamera habe ich mir erspart. Für meine Lochkamera-Fotografie nutze ich die Belichtungsmessung einer kostenlosen App namens „PinholeMeter“ auf meinem Apple iPhone SE. Sie ist einfach zu bedienen und dank ihrer großen Ziffern auf dem Display auch bei schwierigen Lichtverhältnissen gut ablesbar. Mein Smartphone habe ich ohnehin stets dabei.

Die Ergebnisse, welche die App liefert, sind nahezu perfekt. Bei meinen Aufnahmen unter hellen, mittleren und selbst unter sehr schlechten Lichtbedingungen haben die von der App vorgeschlagenen Werte bislang hervorragend funktioniert. Lediglich habe ich die Erfahrung gemacht, dass es bei schlechten Lichtverhältnissen eine etwas längere als die von der App ermittelte Belichtungszeit zu wählen vorteilhaft ist. Damit ich ein ausreichend helles Foto über die gesamte Bildbreite und bis in die Ecken erhalte. Schwankt die App zwischen zwei verschiedenen Belichtungszeiten, ist bei schwierigen Lichtverhältnissen die manchmal deutlich längere zu wählen.

So funktioniert die Belichtungsmessung bei der Lochkamerafotografie
Zwei wichtige Punkte sind zu Beginn zu berücksichtigen: die feste, unveränderbare Blendenzahl meiner Lochkamera (in meinem Fall 167 bei der Ondu) und die ISO-Empfindlichkeit des gerade verwendeten Films. Werte also, die ich in die App zur Belichtungskontrolle übernehme.
Ich empfehle für die Lochkamerafotografie Filmmaterial mit Acetat-Träger, beispielsweise von Kodak. Damit das Licht im Kamerainneren nicht von der gerade belichteten Aufnahme auf die benachbarten Bereiche des Films wandert, wie ich es schon bei Materialien mit Polyester-Trägern erlebt habe.
Bereiche des Films wandert, wie ich es schon bei Materialien mit Polyester-Trägern erlebt habe.
Ich halte das iPhone vor meine Lochkamera und fokussiere in Richtung meines Motivs. In einem zentralen Fenster der PinholeMeter-App sehe ich die gewünschte Szene. Mit einem Finger kann ich auf dem Display verschiedene helle oder dunkle Bereiche meines Fotos fokussieren. Die App zeigt mir die jeweils erforderliche Belichtungszeit für die ausgewählten Bildbereiche an. Dank meiner Erfahrungen kann ich daraus einen guten Mittelwert für die Belichtung der gesamten Szene ermitteln. Hilfreich für die endgültige Belichtung meines Motivs ist die Stoppuhr der PinholeMeter-App.
Mit der Smartphone-App lässt sich zudem bequem ein Screenshot der fotografierten Szene mit der vorgeschlagenen Belichtungszeit erstellen. Ich kann so später meine Fotoergebnisse mit dem gewählten Belichtungswert vergleichen und daraus für zukünftige Aufnahmen Rückschlüsse ziehen.

Falls du dir eine Lochkamera zulegen möchtest
Da es auf dem Kameramarkt zahlreiche Lochkamera-Modelle gibt, hier ein paar abschließende Tipps für dich, auf was du beim Kauf achten solltet:
Die Kamera sollte über einen Mechanismus verfügen, der es ermöglicht, beide Filmtransportknöpfe jederzeit in ihrer aktuellen Position zu fixieren. Dadurch bleibt der Film straff gespannt und kann nicht zurückfedern. Das vermeidet ungewollte Doppelbelichtungen. Gleichzeitig lässt sich kontrollieren, wie weit der Film weitertransportiert wird. Irgendeine Art von sichtbarer Markierung auf den Knöpfen aufgedruckt oder eingefräst sollte vorhanden sein. Oder man bringt diese selber an. So lässt sich schnell und präzise nachvollziehen, wie viele Teil-Umdrehungen von einem Kreis es bedurfte, um den Film weiter zu transportieren. So z.B. eine ganze Umdrehung, eine Halbe oder eine Viertel. Noch besser ist ein ‚Klickmechanismus‘, der zuverlässig signalisiert, wie weit der Film für ein neues Foto weitertransportiert werden muss. Ich benötige bei meiner Lochkamera stets eine ganze Umdrehung für das Normalformat und zwei Umdrehungen für das Panoramaformat. Um störende Überlappungen ganz sicher zu vermeiden, gebe ich einen Tick in der Größenordnung von ca. ‚fünf Minuten‘ zu.

Zum Abdecken beziehungsweise Öffnen des Kamera-Loches ist ein möglichst langer Schieber erforderlich. Damit zwischen dem Verschluss-Mechanismus und dem Kamera-Loch stets ein möglichst großer Abstand besteht. Bei hellen Lichtverhältnissen und kurzen Belichtungszeiten verhindert dies, dass ein Teil des Fingers des Fotografen später ungewollt in einer Bildecke auftaucht, weil dieser für die Verschlussbewegung in den abgelichteten Bildbereich hineinbewegt werden musste.
Pinhole-Kameras haben keinen Sucher. Der Bildausschnitt eines Motives kann entsprechend nur anhand der Kameraausrichtung vom Fotografen geschätzt werden. Eine fächerartige Markierung am Kameragehäuse ist hilfreich. Sie sollte bestenfalls durch je 2 Striche anzeigen, welcher Bildausschnitt meines Motives durch den aufgespannten Winkel dieser Markierungen aufgenommen wird – sowohl für die Horizontale als auch für die Vertikale Achse.
Eine Wasserwaage am Gehäuse dient der Kontrolle der horizontalen oder vertikalen Ausrichtung der Kamera.
Sinnvoll ist eine Stativaufnahme an der Unterseite der Kamera. Mit kleinen Stativen wird es sogar möglich, die Lochkamera an einem Baumstamm oder einem Pfosten beziehungsweise Mast zu befestigen und so vertikale Aufnahmen mit fantastischen Perspektiven zu realisieren.

Ich wünsche dir viel Freude mit dem Fotografieren einer Lochkamera. Hab Spaß mit der Vielseitigkeit einer kleinen Holzkiste mit Loch, vor allem aber an den einzigartigen Fotos, die du damit entstehen lässt.
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